Jugend

Training beim Schachverein Erkenschwick

von Dirk Broksch

1. Warum gerade Schach ?


Das Schachspiel stellt speziell für Kinder eine Fülle unterschiedlicher Anforderungen. Neben den für das Spiel unmittelbar wichtigen Fähigkeiten wie räumliches Vorstellungsvermögen, Mustererkennung, Vorausberechnung, Phantasie und Rechenvermögen sind zahlreiche Tugenden notwendig: ein gutes Gedächtnis, Konzentration und Ausdauer, Urteilsvermögen und Entscheidungskraft, ein guter Umgang mit Erfolg und Misserfolg, Einhalten von Regeln. Diese Eigenschaften werden beim Schach nicht nur vorausgesetzt, sondern bei der intensiven Beschäftigung damit auch trainiert und gefördert. Solche Schlüsselqualifikationen sind für den schulischen und beruflichen Erfolg, aber auch für die Entwicklung der Persönlichkeit von hoher Bedeutung.

2. Wie alles begann und sich nach und nach entwickelte…

Als zwei Eltern im September 2007 unseren ersten Vorsitzenden Frank Strozewski bezüglich Schachtraining für Kinder kontaktierten, leitete dieser die Anfragen Hilfe suchend an mich weiter. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Verein gerade einmal fünf  aktive Jugendliche. Nach dem Tod des Schachlehrers und langjährigen Vereinsspielers Klaus Sziegat im Jahr 2002, dem an dieser Stelle noch einmal ganz großes Lob und Dank ausgesprochen wird, brach die Jugendarbeit des Vereins Jahr für Jahr immer weiter zusammen. Einige Mitglieder der damaligen Jugend-NRW-Liga-Mannschaft wie René Kosche, Armin Gasper, Christian Verkooyen und Dirk Broksch sind dem Verein aber bis heute erhalten geblieben.

Der September 2007 sollte allerdings der Neuanfang einer bis heute sehr erfolgreichen Jugendarbeit im Schachverein Erkenschwick werden. Durch das reichhaltige Trainingsangebot, worauf später noch etwas genauer eingegangen wird, und durch die Pressearbeit hat der Schachverein mehr auf sich aufmerksam machen können. Nach knapp einem Jahr konnte der Verein 13 Kinder unter 12 Jahren verzeichnen, die regelmäßig und mit sehr viel Spaß und Freude zum Training kamen. Durch die Mitgliedschaft einiger älterer Jugendliche kommt der Schachverein auf aktuell knapp 20 aktive Schachspieler unter 20 Jahren.
Seit meinem 13.Lebensjahr bin ich Mitglied im Schachverein Erkenschwick. Ich kontaktierte die Eltern der beiden Kinder und vereinbarte einen Termin zum „Training“. Zu diesem Zeitpunkt war mir allerdings noch nicht bewusst, welche Bedeutung und welche Auswirkungen ein strukturiertes Schachtraining haben sollte. Ich entschloss mich folgerichtig im Jahr 2008, meinen C-Trainerschein zu machen und hatte zusätzlich im Jahr 2011 die Möglichkeit, meinen B-Trainerschein beim Schachbund NRW oben draufzulegen.
Viele Bücher, Stellungen und Beispiele standen mir zwar zur Verfügung, aber über ein längerfristiges bzw. strukturelles Konzept verfügte ich nicht. Als ich eines Tages meinen Vereinskameraden Frank Eggenstein besuchte, fand ich in seinem Regal das Schachbuch „Bobby Fischer lehrt Schach“. Dieses Buch ist bis heute ein Klassiker, in dem viele lehrreiche Anfängerübungen enthalten sind, eben ein programmierter Schachlehrgang des einstigen Weltmeisters. Nach und nach lernte ich neue Trainingsmethoden kennen, wie zum Beispiel die Stufenmethode aus den Niederlanden. Mein Freund Peter Broszeit, der auch den C-Trainerschein erfolgreich absolviert hat und mich bei der Jugendarbeit unterstützt, ist von der Methode sehr begeistert und empfiehlt diese als guten Einstieg in das königliche Spiel. Bei uns im Verein wird die Stufenmethode nur bedingt im Training eingesetzt, sondern die Hefte werden als Hausaufgabenhefte verteilt und von den Trainern nach und nach korrigiert. Einzelne Aufgaben, die die Kinder nicht lösen können, werden natürlich besprochen. Anhand des Bearbeitungsstandes der Hefte kann der Leistungsstand der Kinder auch nach den Ferien abgerufen werden.
Im Training kommen überwiegend die Trainingsunterlagen des Schachbundes NRW, der Schachtiger-Universität und die Kompendien von Laszlo Polgar zum Einsatz. Parallel dazu absolvieren die Kinder neben den Stufenexamen auch die einzelnen Prüfungen vom Bauern- bis zum Königsdiplom, die alle komplett umgeschrieben wurden. Allein aus datenschutzrechtlichen Gründen macht es auf lange Sicht gesehen Sinn, mit eigens angefertigten Unterlagen zu arbeiten. Ein eigenes Trainingsskript ist in Arbeit und soll diverse Trainingsunterlagen vereinen. Wir verfügen über eine ganze Menge Material und werden dies nach und nach gezielt und strukturiert einsetzen.
Bis zu einer Spielstärke von DWZ ca. 2100 haben wir die Möglichkeit, ein vernünftiges Training durchzuziehen. Darüber hinaus würden dann unsere internationalen Meisterspieler aus den Niederlanden die weitere Entwicklung der Spieler vorantreiben.
Viele Jugendliche ab circa 13 Jahren – die über keine Kenntnisse des königlichen Spiels verfügen – sind schwer für das Schachspiel zu begeistern, weil es auf den ersten Blick langweilig erscheint. Was aber tatsächlich dahinter steckt, ist mehr als nur ein Spiel. Goethe sagte dazu einmal Folgendes: „Dies Spiel ist ein Probierstein des Gehirns“, ein indisches Sprichwort sagt „Schach ist ein See, in dem eine Mücke baden und ein Elefant ertrinken kann“ und der berühmte Schachspieler Tarrasch bezog Schach sehr zutreffend aufs Leben: „Das Schachspiel hat wie die Liebe, wie die Musik die Fähigkeit, den Menschen glücklich zu machen. Ich habe ein leises Gefühl des Bedauerns für jeden, der das Schachspiel nicht kennt, so wie ich jenen bedauere, der die Liebe nicht kennengelernt hat“.

Der C-Trainerlehrgang war auch für Peter Broszeit und mich mehr als nur hilfreich. Ich empfehle daher jedem Verein, der an einer guten Jugendarbeit interessiert ist, einen oder zwei ausgebildete Trainer in seinen Reihen zu haben. Die Ausbildung zum C-Trainer ist in meinen Augen eine sehr lohnenswerte Investition, um auch dauerhaft Leben und Bewegung im Verein zu haben. Meistens sieht es in kleineren Vereinen so aus, dass ein älterer Herr sich mit einem oder zwei Kindern ans Schachbrett setzt, um das „Schachspielen beizubringen“. Die Wahrheit ist aber die, dass den Kindern spätestens beim dritten oder vierten Mal langweilig wird, da sie schnell erkennen, dass keine Struktur vorhanden ist. Es kommt sogar soweit, dass diese Kinder dann gar nicht mehr den Weg zum Schachverein suchen. Dass ein Verein ohne eine effiziente Förderung des Nachwuchses keine Zukunft hat, sollte jedem Mitglied grundsätzlich klar sein.

Um neben den Schachaktivitäten (z.B. Turniere, Training u.a.) etwas Abwechslung zu schaffen, ist es ebenfalls wichtig, Ausflüge oder gemeinsame Bowling- und Grillabende zu veranstalten. Bei der gemeinsamen Weihnachtsfeier im Jahr 2012 war zum Beispiel das Tischfußball-Spiel „FuBi“ (www.fubi.de) ein absoluter Renner, bei dem sogar ein Vereinsmeister ermittelt wurde. Zum anderen finden einmal im Jahr die Stadtmeisterschaften im Tischtennis statt, an denen Kinder, Jugendliche und Erwachsene sehr gerne teilnehmen und auch Trainingsstunden bekommen. Für den Schachverein wurde sogar extra eine eigene Hobbymeisterschaft eingebaut, die dankend angenommen wurde.
Ein weiteres jährliches Highlight ist auch die Fahrt zu unseren Freunden nach Bechhofen in der Nähe von Nürnberg. Der „Top-Schachverein“ SC Bechhofen (www.sc-bechhofen.de) mit seinem Vorsitzenden Klaus Böse lädt jährlich zum Kirchweih-Blitzturnier mit ansprechendem Rahmenprogramm (u.a. Besuch der Nürnberger Altstadt, Mitternachtsführung im Bürsten- und Pinselmuseum) ein, zu dem wir sehr gerne hinfahren, um uns rund um das Thema Schach auszutauschen.

3. Welche Rolle spielen die Eltern?

In vielen Vereinen (auch anderer Sportarten) bringen Eltern ihre Kinder zum Training und holen sie anschließend wieder ab. Ein kurzer Austausch mit dem Trainer, Übungsleiter oder eines anderen anwesenden Mitgliedes des Vereins, geschweige denn ein gemütliches Zusammensitzen nach dem Training findet dabei kaum statt. Ich habe von Anfang an den direkten Kontakt mit den Eltern gesucht und diese nach und nach kennen gelernt. Auch bei Problemen und auffälligem Verhalten der Kinder beim Training werden die Eltern informiert. Die Eltern sollen das Gefühl haben, dass das Kind beim Training gut aufgehoben ist und auch mit viel Freude zum Training geht. Solange Eltern auch hinter ihren Kindern stehen und vielleicht selber Spaß am Schachspielen haben, stehen die Vorzeichen einer funktionierenden Jugendarbeit in der Regel sehr gut. Zwingen oder unter Druck setzen sollte man die Kinder allerdings nie. Allerdings ist mir in den letzten Jahren vermehrt aufgefallen, dass Kinder durch Schul-AG´s, Mitgliedschaft in unterschiedlichen Vereinen, höheren Anforderungen in den Schulen u.a. nahezu überfordert werden. Im Zeitalter von Videospielen, Smart-Phones und der restlichen Medienlandschaft wird es auch in Zukunft für Schachvereine immer schwieriger werden, Kinder und Jugendliche zu begeistern bzw. zu motivieren. Das gute alte Brettspiel Schach wird aber garantiert seinen Glanz nicht verlieren und sich auf lange Sicht dagegen sicherlich behaupten können.
Das amerikanische Schachgenie und einstiger Weltmeister Bobby Fischer erlernte im Alter von 6 Jahren das königliche Spiel und wurde bereits mit 15 Jahren Schachgroßmeister. Bis zu seinem Tod im Januar 2008 zählte er zu einem der größten und charismatischsten Spieler der Schachszene. Mit seinem Leitspruch: „Du kannst im Schach nur gut werden, wenn du das Spiel liebst“ sollte er allerdings bis heute Recht behalten.